Montag, 7. Mai 2012 von Heidi
Ab einem bestimmten Reifegrad streben wir danach, selbstständig zu handeln. Gleichzeitig sind wir abhängig von Leistungen Dritter, bei denen wir uns durchsetzen müssen. Andere um Rat zu fragen, bringt nicht immer die erhoffte Erleichterung. Oft stellen wir fest, der Einzige, auf den wir uns wirklich verlassen können, sind wir selbst.
Durch Erfahrung, Nachdenken und Intuition haben wir uns ein gewisses Maß an Lösungen und Selbstsicherheit angeeignet. Was aber, wenn genau diese Kriterien uns im Stich lassen? Wie fühlt man sich, wenn Gegenstände im Haus verschwinden. Wenn die räumliche und zeitliche Orientierung nicht abrufbar ist. Wenn plötzlich die jungen Leute sagen, man „irre sich“ – das Gesagte stimme nicht, denn die Kinder, für die man gerade kochen wolle, seien erwachsen, die Eltern seien schon lange tot und man solle doch nicht immer wieder dieselbe Frage stellen.
Ich habe in meiner Ausbildung gelernt: „Demenzkranke können sich durch Nachdenken nicht korrigieren“. Meine innere Gewissheit/Überzeugung ist der Maßstab. Ein eigener strenger innerer Richter, der alles Andere außer Kraft setzt. Unverständlichem Widerspruch von Außen muss entschieden entgegen getreten werden, um mein eigenes Rollenverständnis zu wahren.
Während ein junger Mensch jederzeit verlegen oder frech seinen Irrtum zugeben darf, ein Kind weinen und Angst zeigen, vor Wut brüllen, Andere beschuldigen, dabei ungeduldig zappeln darf, befremdet uns solch ein Ausfall bei einem Senioren. Besonders in der Öffentlichkeit. Auf jeden Fall ist sein Verhalten, weil von der Erwachsenennorm abweichend, störend unbequem. Und schon wieder fühlen sich alle Beteiligten in ihrer Selbstsicherheit aus der Bahn geworfen.
Jeder von uns – auch wenn wir es nicht zugeben wollen – braucht Anerkennung und Lob als Nahrung für die Seele, für die Bestätigung unseres Selbstwerts. Wenn Anerkennung und Selbstbestätigung zunehmend von Kritik abgelöst werden, werden die Anderen zu Widersachern, denen man mit Vorsicht, am besten mit Misstrauen, auf jeden Fall mit Verteidigung begegnet.
Allein das Gefühl, gebraucht zu werden, nützlich zu sein, teilzunehmen, kann viel von der Spannung nehmen. Deshalb ist es mir wichtig, Mutter soweit wie möglich und so oft wie möglich in unseren eigenen Alltag einzubeziehen. Wir geben ihr die Gelegenheit, in ihrem Rahmen die noch vorhandenen Fähigkeiten anzuwenden. Wenn wir in einem Streitfall – das fällt manchmal sehr schwer – nicht immer die „Wahrheit“, „was richtig ist“ unter die Nase reiben, tragen wir dazu bei, dass sie spürt, sie wird geachtet und nicht einfach als Versager abgestraft. Denn jede Zurechtweisung, jedes Richtigstellen ist ein Frontalangriff, der Stress auslöst. Wem es wirklich etwas bringt und wohin zuviel davon führt, kennen Sie und ich doch aus unserem eigenen Alltag.
Also, bewusst Fünfe gerade sein lassen. Wenn ein Mensch sich von allein nicht mehr aus dem Rollstuhl erheben kann, gefüttert, gewindelt und nachts umgelagert wird, wie und wann es den Pflegenden angemessen erscheint, wie viele Möglichkeiten hat dieser Demenzkranke noch, sich wertvoll und erfolgreich zu fühlen?
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